Keine Experimente!

Der Anlagenring muss vierspurig bleiben.

Gießen hat durch zwei Ringanlagen eine Verkehrsstruktur, um die uns viele beneiden. Der äußere Ring, der Autobahnring 485, führt den (Schwerlast)-Verkehr um Gießen herum. Der innere Ring, der Anlagenring, verteilt die Verkehrsströme nach Gießen strahlenförmig vom und zum Anlagenring. Egal ob von Lollar, Staufenberg, Buseck, Grünberg, Fernwald, Lich, Pohlheim, Linden, Heuchelheim, Biebertal oder Wettenberg kommend, man erreicht an acht unterschiedlichen Stellen den Anlagenring und orientiert sich dann weiter. Vom Anlagenring führen sechs Straßen in die Innenstadt hinein, um z. B. zum Brandplatz, zur Hauptpost, zu Banken, zum Johannesstift, zum Karstadt-Parkhaus und City-Center zu kommen. Der Anlagenring nimmt weit mehr als 30.000 Einpendler jeden Morgen auf, die zu Schulen, Kliniken, Betrieben, Geschäften oder Ämtern und anderen Institutionen wollen. Und umgekehrt beginnt etwa ab 15.30 Uhr der Auspendlerverkehr. Tagsüber erreichen die Besucher aus dem näheren oder weiteren Umland die Innenstadt: Zum Einkaufen, einem Besuch beim Arzt oder bei einer Behörde. Kein Ortskundiger besucht z. B. am 1. November die Innenstadt, da an diesem Tag die Kundschaft aus Nordrhein-Westfalen aufgrund des dortigen Feiertags die Parkhäuser und dann die Geschäfte füllt.

Zugegeben, der Verkehr morgens und abends läuft nicht immer ganz reibungsfrei und ist zu Stoßzeiten auch zähfließend – aber er fließt! Und er fließt auf zwei Fahrspuren. Stellen Sie sich nun einmal vor, dieses Verkehrsaufkommen müsste sich auf einer Fahrspur zusammendrängen. Der Kollaps morgens und abends wäre unvermeidlich.

Noch ist auch die Taktung der Busse selbst in die Gießener Vorstädte nicht so optimal, dass viele aus Lützellinden, Allendorf oder Rödgen lieber das eigene Auto benutzen, wenn sie nach Gießen hineinfahren. Noch gibt es keine P&R Flächen am Stadtrand, von wo aus Besucher von außerhalb mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell und bequem die Innenstadt erreichen können. Die Bus- und Bahnverbindungen zwischen den Ortschaften im Landkreis und der Stadt Gießen sind noch lange nicht so gestaltet, dass man einfach, schnell, einigermaßen komfortabel und preisgünstig von hier nach dort kommt. 

Viele politisch Aktive und Interessierte, die sich für die Ziele des Bürgerantrags stark machen, sind jung und viele von ihnen sind nur für einige Jahre als Studenten hier in der Stadt. Nach absolviertem Studium kehren sie Gießen den Rücken. Bei allem Engagement für eine bessere Klimapolitik in Gießen vergisst gerade diese Personengruppe oft die älteren und körperlich nicht mehr ganz so fitten Menschen. Nicht jeder Ältere möchte mit dem Fahrrad – und sei es auch ein E-Bike – seine Einkäufe oder Besuche erledigen.

 Sicher ist auch ein Umdenken nötig, wenn man beobachtet, dass in vielen PKWs nur eine Person sitzt. Gewiss könnte man z. B. viel öfter Fahrgemeinschaften bilden, und so das Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs verringern. Aber es entbehrt jeglicher Klugheit, wenn man ohne gute Alternativangebote zu haben, Jung und Alt zum Umdenken bewegen oder gar zwingen möchte. Daher sollte man das Pferd nicht von hinten aufzäumen und in einem Hauruckverfahren, das auch noch richtig viel Geld kostet (welches die Stadt nicht hat), die Stadt lahmlegen. 

Die hohe Zentralität, die Gießen auszeichnet, beruht auf dem außergewöhnlich hohen Besucheraufkommen aus dem nahen und weiten Umland. Diese Attraktivität schafft Umsatz, Arbeitsplätze und Einnahmen für die Stadt. Werden diese Besucherscharen durch unübersichtliche und benutzerunfreundliche Verkehrsführungen verunsichert und abgeschreckt, leidet der Ruf Gießens als Einkaufsmetropole. Nichts ist schwerer zu heilen als ein ramponiertes Image.

Viele, die in Gießen Rad fahren, würden nie den Anlagenring benutzen. Hierzu gibt es zu viele Alternativen, die das Radfahren sicherer und bequemer machen. Mit weiteren, zusätzlichen Radwegeangeboten wird das Radwegenetz kontinuierlich ausgebaut. 

Letztlich ist es entscheidend, dass man in Gießen zu einem verträglichen Mit- und Nebeneinander aller Verkehrsarten kommt. Jeder hat sich wohl schon als Autofahrer über Radfahrer geärgert, als Radfahrer über Autofahrer; Fußgänger ärgern sich über Rad- und Autofahrer, die sie im Gegenzug dann auch wieder verärgern. Wenngleich sich die meisten Menschen weitestgehend an Verkehrsregeln halten, wird es auch immer die Ausnahmen geben. Wir sind nicht perfekt, damit müssen wir alle leben. Es wäre viel gewonnen, wenn Rücksichtnahme und Toleranz auch im Verkehrsgeschehen eine zunehmende Rolle spielen würde.